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Grundsätze zur Förderung von Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens- und Rechtschreibens!


Antworten zur Anfrage des Sekretariats der KMK

Grundsätze zur Förderung von Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim
Erlernen des Lesens- und Rechtschreibens!


Seit 1978 wurden bei der Erforschung der Lese- und Rechtscheibproblematik beträchtliche
Fortschritte gemacht.
- Es wurden kindgerechte Unterrichtskonzepte entwickelt, v.a. Konzepte zu einem kindgerechten
und binnendifferenzierenden Unterricht
- Die Bedeutung der Phonologischen Bewusstheit wurde erkannt
- Es wurden Modellvorstellungen zur Entwicklung der Schriftsprachkompetenz erforscht
und weiterentwickelt.
- Zunehmend mehr werden die Wechselwirkungen zwischen dem Verhalten und den Eigenschaften
von Kindern und den Bedingungen ihres Umfeldes und die Bedeutung solcher
Wechselwirkungen für den Lernerfolg erkannt.
Ein großes Problem besteht darin, dass aus vielen dieser Erkenntnisse noch keine Konsequenzen
für Prävention und Intervention gezogen wurden, bzw. dass v.a. die an reformpädagogische
Traditionen anknüpfenden binnendifferenzierenden Lehr- und Lernformen nur begrenzt
Eingang in den Unterricht der Grundschule gefunden haben.
Kritisch ist zum Stand der Forschung anzumerken, dass
- die motivationalen und emotionalen Komponenten des Lehr- und Lernprozesses noch
wenig bearbeitet sind,
- dass es v. a. bei der Kind-Umfeld-Analyse noch an verlässlichen Verfahren mangelt, lernrelevante
Umfeldbedingungen in die Diagnosen einzubeziehen und
- dass bei den pädagogisch-therapeutischen Angeboten noch sehr in Einzelaktionen gedacht
wird und es an einer Systematik sowohl der Bedingungen als auch der Präventions- und
Interventionsmaßnahmen ermangelt - in Theorie und Praxis
In wenigen Wochen erscheint der folgende Beitrag: „Störungen beim Schriftspracherwerb -
Ursachen und Prävention aus systemischer und entwicklungsökologischer Sicht“1[1]. In diesem
Aufsatz habe ich einige Antworten auf die Fragen zu den Themenkomplexen „Schwierigkeiten
beim Erlernen des Lesens und Schreibens“ vorweggenommen. Gleichzeitig enthält
der Beitrag den Versuch einer Systematik von Maßnahmen auf den Ebenen primärer, sekundärer
und tertiärer Prävention. Da ich mich bei den folgenden Ausführungen wiederholt auf
diesen Aufsatz beziehen werde, füge ich das Manuskript als Anlage 1 bei.
1[1] Erscheint in "Schatzkiste Sprache 2 - Kinder auf dem Wege in der Schrift", Hrsg. Balhorn/
Bartnitzky/ Büchner/ Speck-Hamdan. Beiträge zur Reform der Grundschule. Arbeitskreis
Grundschule/DGLS.

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Fragen zu den Themenkomplexen
Frage 1, Definition
Ich schlage zunächst eine Definition vor, um mich danach mit den unter Punkt 1 aufgeworfenen
Fragen zu beschäftigen.
Vorschlag einer Definition
Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechtschreiben: multikausal bedingte Kombinationen
individuell unterschiedlicher Lern- und Entwicklungsverzögerungen und ggf. Verhaltensproblemen,
bei denen umfangreiche und anhaltende Rückstände beim Schriftspracherwerb
im Vordergrund stehen.
Erläuterungen
a) Schwierigkeiten, die im Vordergrund stehen: Von Schwierigkeiten beim Lesen,
Schreiben und Rechtschreiben ist zu sprechen, wenn es sich dabei um die in der aktuellen
Lebenssituation dominierenden Schwierigkeiten handelt.
b) Eine Kombinationen von Lern- und Entwicklungsverzögerungen und ggf. Verhaltensproblemen:
Ein Problem existiert kaum jemals isoliert. Es ist fast immer vergesellschaftet
mit anderen Schwierigkeiten, die u.U. auch oder vielleicht sogar noch dringlicher Bearbeitung
bedürfen. Bei LRS sind dies häufig Lernblockaden und Versagensängste, aber
auch Beziehungsprobleme zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen.
c) Individuell unterschiedliche Lern- und Entwicklungsverzögerungen: es gibt von Kind zu
Kind unterschiedliche Ausprägungsformen und Merkmalskombinationen. Um gezielt zu
fördern ist diagnostisch zu klären, welche Merkmalskombination und welcher Lernstand
bei einem Kind vorliegt, um
- eine hinreichende Passung vornehmen zu können und um
- lernhemmende Bedingungen abzuschwächen und zu eliminieren.
Von Typisierungen ist abzusehen, da sie nicht notwendig mit dem individuellen Förderbedarf
korrespondieren.
d) Multikausal: Komplexe Entwicklungen haben kaum jemals nur eine Ursache. Es ist immer
ein Bündel sich u.U. auch wechselseitig beeinflussender Ursachen, wobei zu unterscheiden
ist zwischen Risiken einerseits und Schutzfaktoren (Resilienzbedingungen)
andererseits. Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechtschreiben sind zu erwarten,
wenn in den Lebenszusammenhängen eines Kindes die Menge und das Gewicht der
Risiken gegenüber der Menge und dem Gewicht seiner Schutzfaktoren überwiegen. Bei
den Risiken und den Schutzfaktoren kann es sich um Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen
des Kindes handeln, aber auch und sicher nicht weniger bedeutsam, um Bedingungen
seines häuslichen, seines schulischen und seines sonstigen Umfelds.
3
Ich bevorzuge die Kennzeichnung „Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechtschreiben“,
weil sie
- ursachenneutral ist und
- zeitliche Variabilität impliziert.
Die Bezeichnung Lese-Rechtschreib-Schwäche suggeriert, dass die Hauptursachen des
Problems Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen eines Kindes sind, womöglich irreversible
organische Beeinträchtigungen. Dabei werden von vorne herein Umfeldbedingungen ausgeklammert,
etwa ein unzulänglicher Unterricht oder ein schwieriges häusliches Milieu. Darin
ist eine unzulässige Vereinfachung zu sehen.
Ebensowenig ist die Bezeichnung „Legasthenie“ ursachenneutral, auch sie sieht die Ursachen
einseitig nur beim Kind. Sie engt den Blick darüber hinaus unverhältnismäßig stark auf
besondere Merkmalskombinationen ein, und zwar auf Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben
und Rechtschreiben, mit denen dem Anschein nach wenig andere Schwierigkeiten und Lernrückstände
einhergehen. Es gibt jedoch in gleicher und in weitaus größerer Zahl Kinder mit
anderen Merkmalskombinationen, die sich beim Lesen- und Schreibenlernen ebenfalls schwer
tun und die nicht weniger förderbedürftig sind. Eine einseitige Beschränkung auf Kinder mit
einer Merkmalskombination, die der traditionellen Legasthenie-Definition entspricht, bedeutet
faktisch eine Unterversorgung der Lernenden, die besonders gefährdet sind, weil mit ihren
Lese- und Schreibschwierigkeiten noch andere Probleme vergesellschaftet sind.
Frage 2, Diagnostik
Eine nachhaltige Förderung erfordert
- sorgfältige Lernstandsanalysen, um zu ermitteln, wie weit das Kind auf dem Lernkontinuum
gekommen ist und wo die Förderangebote ansetzen müssen.
- Eine Kind-Umfeld-Analyse, um zu ermitteln, inwieweit es Eigenschaften und Verhaltensweisen
des Kindes sind, aber auch Bedingungen seines Umfelds, die seine Lernentwicklung
beeinträchtigen oder zu der aktuellen Situation geführt haben
- Eine Risiko-Resilenz-Diagnose. Einseitig defizitorientierte, auf Risiken und Probleme
ausgelegte Diagnosestrategien führen häufig zur Unterschätzung der Potenziale eines
Kindes. V. a. bei sehr entmutigten Kindern kann es hilfreich sein zu wissen, welche Stärken
sie haben, um durch Anknüpfen der Förderangebote an ihre „starken Seiten“ die
Erfolgszuversicht für den Lerngegenstand herbeizuführen.
Eine Diagnostik, die Lehrerinnen und Lehrern helfen soll, passende Angebote für Kinder mit
Lernproblemen zu finden, muss mehrdimensional sein. Eine Mindestanzahl von Dimensionen
zeigt Abb. 1:
4
Dimensionen von Förderungsdiagnostik
1. Diagnosen, die es Lehrerinnen und Lehrern erleichtern sollen, individuelle Passungen von
Lehrangeboten vorzunehmen, sollten die Lernwege und die Lernstände von Kindern
abbilden, und zwar kontinuierlich, damit zu jedem Untersuchungszeitpunkt eingeschätzt
werden kann, welche Kompetenzen und Fertigkeiten ein Kind innerhalb des jeweiligen
Lernkorridors ausgebildet hat.
2. Lernen ist eine Tätigkeit. Ein förderungsdiagnostisches Verfahren sollte die Wahrnehmung
des Diagnostikers oder der Diagnostikerin sensibilisieren für die Lernprozesse
eines Kindes, um ihm ggf. zu helfen, zweckmäßige Lernstrategien auszubilden.
3. Lernprozesse sind immer auch von Gefühlen, Wünschen, Erwartungen und subjektiven
Kompetenzeinschätzungen begleitet. Förderungsdiagnosen sollten immer auch
Erkenntnisse über die emotionale und motivationale Einstellung eines Kindes zum
Lerngegenstand und zur Lernsituation liefern.
4. Schulisches Lernen vollzieht sich in einem institutionellen und sozialen Kontext. Eine
Förderungsdiagnose sollte Erkenntnisse liefern, wie gut es einem Kind gelingt, sich mit
den institutionellen und sozialen Bedingungen zu arrangieren.
5. Von diagnostischem Interesse sind schließlich auch die Umweltbedingungen als solche,
die schulischen und die außerschulischen. Das Verhalten eines Kindes wird oft erst dann
verständlich, wenn man diese Umweltbedingungen kennt. Das Problemverhalten eines
Kindes kann mitunter erst dann abgebaut werden, wenn es gelingt, auf schädigende
Umweltbedingungen einzuwirken.
Zur Ermittlung des Lernstands sind Schulleistungstests geeignet. Nicht weniger wichtig zu
wissen ist es, wie ein Kind sich einem Lerngegenstand annähert und welche Gefühle es ihm
entgegenbringt. Wir haben in mehreren Veröffentlichungen dazu Handreichungen erarbeitet2[
2]. Verlässliche Verfahren, förderliche oder entwicklungsgefährdende Bedingungen des
schulischen oder des häuslichen Umfelds auszuloten, bedürfen noch der Entwicklung. Anlage
2 zeigt das Schema eines Diagnose- und Förderplans, der vor dem Hintergrund unserer Ausgangsüberlegungen
konzipiert wurde und zur Diagnose und Förderung von Lern- und Entwicklungsstörungen
herangezogen werden kann, auch für Probleme des Schriftspracherwerbs.
Standardisierte Verfahren wie z.B. Intelligenz- oder Wahrnehmungstests sind geeignet, die
Ressourcen eines Kindes abzuschätzen oder entwicklungshemmende Beeinträchtigungen
festzustellen. Für eine Passung der Lernangebote und eine Begleitung der Förderung sind sie
weniger geeignet, weil sie nicht über curriculare Validität verfügen und vorwiegend stabile
Merkmale messen, also potenzielle Veränderungen nicht abbilden können.
􀂾􀂂􀂂􀂂􀂂􀂂􀂂 2[2] Kretschmann, Rudolf/ Dobrindt, Yvonne/ Behring, Karin (1998) Prozessdiagnose der
Schriftsprachkompetenz in den Schuljahren 1 und 2, Persen, Postfach 260, 21637 Horneburg
􀂾􀂂􀂂􀂂􀂂􀂂􀂂 Behring, Karin/ Kretschmann, Rudolf/ Dobrindt, Yvonne (1999) Prozessdiagnose mathematischer
Kompetenzen in den Schuljahren 1 und 2, 3 Bände, Persen, Postfach 260, 21637 Horneburg
􀂾􀂂􀂂􀂂􀂂􀂂
5
An jeder Schule sollten eine oder mehrere Lehrkräfte die Gelegenheit erhalten, sich für die
Problematik der Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechtschreiben besonders zu
qualifizieren. Gleichzeitig sollte es schulstandortübergreifend Teams geben, die sich mit
besonders gelagerten Problemfällen beschäftigen können. Solche Teams sollten sich zusammensetzen
aus Grundschullehrkräften, Sonderschullehrkräften, Schulpsychologen und Mitarbeitern
der Jugendhilfe.
Die Erstdiagnose wäre von den Fachleuten der Schule durchzuführen. Sollte sich dabei zeigen,
dass die Probleme mit unterrichtlichen Mitteln (auch mit Förderunterricht) alleine vermutlich
nicht zu lösen sind, könnte das Team mit der Problematik befasst werden, um
- herauszufinden, ob zusätzlich zu der Lese- und Schreibförderung in der Schule weitergehende
Maßnahmen erforderlich sind, etwa medizinisch- oder psychologisch-therapeutischer
Art, Erziehungsberatung oder Familiensozialarbeit und
- um Kontakte zu den entsprechenden Einrichtungen herzustellen.
Gleichzeitig sollte mit den Individualdiagnosen auch ein Blick auf die schulischen Angebote
verbunden sein, um durch kollegiale Unterstützung das Niveau des Lese- und Schreibunterrichts
anzuheben oder Unterstützungsangebote für Risikokinder einzurichten, bevor die
Probleme manifest werden können (vgl. dazu auch Anlage 1, Tabelle 3).
Frage 3, Aus-, Fort- und Weiterbildung
RATHENOW und VÖGE (1982)3[3] zufolge entspricht der Unterschied in den
Eingangsvoraussetzungen der Schulanfänger in Bezug auf das Lesen- und Schreibenlernen
dem Pensum von bis zu drei Schuljahren. Es ist zu erwarten, dass in einem gleichschrittigen
Unterricht systematisch Kinder über- und andere unterfordert werden. Mit höchster Priorität
sollten daher in der Ausbildung - und zwar in allen Ausbildungsphasen - Lehrerinnen und
Lehrer dazu befähigt werden, binnen- und niveaudifferenzierend zu unterrichten. Der Unterricht
im Schriftspracherwerb sollte handlungs-, lebens- und erlebnisbezogen sein und es sollten
v.a. die emotionalen Befindlichkeiten der Kinder berücksichtigt werden.
Als Vertreter der Disziplin „Pädagogik bei Lern- und Entwicklungsstörungen“ habe ich den
Eindruck, dass in der Pädagogik des Anfangsunterrichts häufig das Problem von Störungen
nicht ausreichend vorkommt und nicht nur Berufsanfänger konzeptions- und hilflos sind,
wenn Kinder infolge von Ängsten, allgemeinen Entwicklungsrückständen oder Aufmerksamkeitsstörungen
nicht in der Lage sind, den Lernangeboten angemessen zu folgen. Als nicht
minder wichtig halte ich es daher, zukünftige Lehrkräfte bereits in der Ausbildung
- mit den wichtigsten Störungssyndrome und ihre Ursachen vertraut zu machen
3[3] Rathenow, Peter, Vöge, Jochen: Erkennen und Fördern von Schülern mit Lese-
/Rechtschreibschwierigkeiten, Braunschweig 1982
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- in angemessenem Umfang Handlungswissen zum Umgang mit den entsprechenden Störungen
zu vermitteln und
- Informationen darüber, wer mit dem Problem zu befassen ist, wenn die binnendifferenzierenden
Angebote der Regelschule nicht reichen.
Es sollten Schnittmengen gemeinsamer Ausbildungsinhalte für Primarstufen-, Sek-I-Lehrkräften
und Sonderpädagoginnen/-pädagogen definiert und vorgehalten werden, damit die
Probleme hinreichend bekannt sind und gleichzeitig Voraussetzungen für eine professionelle
Kooperation etwa von Grundschul- und Sonderschullehrkräften gelegt wird. In einer ganzen
Reihe von Bundesländern werden Kinder mit Lern- und Entwicklungsstörungen integriert
gefördert. Nicht selten scheitert die Zusammenarbeit am Fehlen solcher Schnittmengen
gemeinsamer Wissensbestände und Zielvorstellungen.
Im Hinblick auf eine Früherkennung sich anbahnender Schwierigkeiten sollten Lehrerinnen
und Lehrer erfahren,
- welche Lernenden besonders von Versagen bedroht sind
- an welchen Stellen des Lehr-Lern-Prozesses sich vorzugsweise Schwierigkeiten einstellen,
und
- welche Begleitprobleme besonders häufig mit Lese- und Schreibschwierigkeiten einhergehen.
Ergänzend sei erwähnt, dass Förderlehrerinnen auch gewisse Kenntnisse in anderen Lernbereichen
haben sollten, etwa auf dem Gebiet Mathematik, um ggf. auch dort einschätzen zu
können, ob ein Förderbedarf besteht und welche Maßnahmen einzuleiten sind.
Frage 4, Leistungsbewertungen
Das Problem entfällt, wo die Leistungen eines Kindes in Form von Lernentwicklungsberichten
angegeben werden. Bei Kindern mit massiven Problemen im Lesen- und Schreibenlernen
sollte von dieser Möglichkeit weitestgehend Gebrauch gemacht werden, auch in Abschlusszeugnissen.
Es wären dies Kinder (und ggf. auch Jugendliche), deren Leistungen trotz vorhandener
Lernfortschritte gemessen an den Lehrplanvorgaben noch immer mit „ungenügend“
oder „mangelhaft“ zu bewerten wären. In den Lernentwicklungsberichten ist festzuhalten,
welche Fortschritte das Kind gemessen an seiner Lernausgangslage in dem Berichtszeitraum
gemacht hat und wo es in der Zwischenzeit angekommen ist.
Es ist bekannt, dass v.a. Arbeitgeber den Ziffernzeugnissen nur eine begrenzte Aussagekraft
zumessen und sich über Bewerber durch Einstellungsgespräche oder eigene Prüfverfahren ein
Bild zu verschaffen suchen. Insofern ist durchaus ein Notenschutz auch in Abschlusszeugnissen
denkbar.
7
Frage 5, Fördermaßnahmen
Um Fördermaßnahmen realisieren zu können, bedarf es neben der fachlichen und pädagogisch-
therapeutischen Kompetenz auch hinreichender Ressourcen und geeigneter Strukturen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat auf medizinischem Gebiet schon vor Jahren eine
Unterscheidung getroffen zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Prävention.
- Unter primärer Prävention versteht man im Gesundheitswesen seither Maßnahmen zur
allgemeinen Gesundheitsvorsorge, Gesundheitserziehung, Aufklärung, Finanzierung und
Organisation eines leistungsfähigen Gesundheitswesens.
- Zur sekundären Prävention werden Vorbeugungsprogramme für Risikogruppen gerechnet,
z. B. Vorsorgeuntersuchungen und Ernährungsvorschläge für Personen, die zu Diabetes
oder Bluthochdruck neigen.
- Mit tertiärer Prävention ist die medizinische Behandlung von Krankheiten gemeint.
Die Unterscheidung lässt sich auf soziale Bereiche übertragen und sie ist hilfreich für eine
Systematisierung schulischer wie außerschulischer Präventions- und Förderangebote
- Primäre Prävention: Kindgerechte Gestaltung vorschulischer, schulischer und außerschulischer
Lebens- und Lernbedingungen für alle Kinder.
- Sekundäre Prävention: Schulische und außerschulische Unterstützungsangebote für
Kinder, die von Schulversagen bedroht sind (z. B. Kinder nichtdeutscher Muttersprache,
Kinder aus sozial instabilen Familien).
- Tertiäre Prävention = Förderung = Therapie: Schulische und außerschulische Unterstützungsangebote
bei manifesten Störungen.
Das Konzept legt nahe, auf Störungen nicht nur zu reagieren, sondern Vorkehrungen zu treffen,
damit sie nicht erst auftreten (ausführlich dazu Anlage 1).
Wenn zwischen einzelnen Lernangeboten lange Pausen liegen, ist die Vergessensrate außergewöhnlich
hoch. Angebote, die einmal in der Woche eine Förderung von einer oder einer
halben Stunde vorsehen, sind daher wenig wirksam. Es gilt, v.a. in der Anfangszeit möglichst
viele Ressourcen zu bündeln, so dass ein Kind in der Woche drei, wenigstens aber zwei
Fördertermine angeboten bekommt. Die Förderung kann dann, je nach Schwere des Problems
je 1- 2 Stunden pro Fördertermin betragen. Wenn sich die Lernsituation eines Kindes stabilisiert,
kann die Förderung reduziert werden. Förderung ist dabei nicht als ein einmaliger Akt
zu begreifen. Manche Kinder und Jugendliche werden während ihrer gesamten Schulzeit
immer wieder einmal Unterstützungs- oder Differenzierungsangebote benötigen, wenn sie ein
Ausmaß an Literalität ausbilden sollen, welches sie in die Lage versetzt, ohne größere Einschränkungen
Anteil zu haben an der literalen Welt.
Die Förderangebote in der Grundstufe einerseits und in den Sekundarstufen sowie in den
Beruflichen Schulen andererseits müssen sich qualitativ unterscheiden. Auch Jugendliche mit
geringen Kompetenzen haben ein Anspruchsniveau, welches sich an den Fertigkeiten geübter
Leser und Schreiber orientiert. Während der Begleitung eines sich über 10 Jahre erstreckenden
Projekts mit jugendlichen Analphabeten (größtenteils Abgänger von Lernbehindertenschulen)
haben wir erfahren, dass elementare Übungen, die in der Grundstufe durchaus sinn8
voll und zielführend sind (Lautieren, besondere Rechtschreibprobleme bearbeiten), zurückgewiesen
werden (Babykram!). Die Jugendlichen, die in der Regel auch ein gestörtes emotionales
Verhältnis zum Lesen und Schreiben haben, waren durch sinnhafte Texte und Angebote
aus ihrer Lebens- und Fantasiewelt zur Mitarbeit zu bewegen. Feinstrukturen wurden durch
Partnerdiktate, Selbstdiktate, Selbstkorrekturen am PC etc. ausgebildet. Bei älteren Lernenden,
deren Lernbiographie durchweg von Misserfolgen begleitet war, haben die Ausbildung
von Selbstwertgefühl und Erfolgszuversicht in Bezug auf das Lesen- und Schreibenkönnen
einen besonders hohen Stellenwert4[4].
Die Tatsache, dass viele Schülerinnen und Schüler Nachhilfe in Anspruch nehmen (müssen)
ist ein nicht zu leugnender Sachverhalt. Von Schule und Bildungspolitik wird diese Tatsache
jedoch eher verdrängt oder zumindest nicht zur Kenntnis genommen, denn sie stellt den
etablierten Bildungsinstitutionen nicht gerade ein schmeichelhaftes Zeugnis aus. Die Verdrängung
dieser Tatsache hat dazu geführt, dass sich auf dem „grauen Bildungsmarkt“ auch
immer wieder zweifelhafte Anbieter etablieren können, denn da das Problem ignoriert wird,
wird auch nicht über Qualitätsstandards und Qualitätskontrolle diskutiert. In der gegenwärtigen
Verfassung ist Schule allein nicht in der Lage, in hinreichendem Maße allen schulischen
Lernproblemen zu begegnen. Daher sollte man außerschulische Angebote als eine legitime
Möglichkeit behandeln, Lernenden zu hinreichenden Kompetenzen zu verhelfen. Zwei Voraussetzungen
wären dabei zu gewährleisten:
a) Außerschulische Förderangebote dürfen nicht nur Lernenden zugute kommen, deren
Eltern sich eine solche Ausgabe leisten können. Allerdings eröffnen die Regelungen des
KJHG von 1991 auch für einkommensschwache Familien Möglichkeiten einer außerschulischen
Förderung. Im Falle einer „drohenden seelischen Behinderung“, darunter sind
auch schwere Formen von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten zu verstehen, ist das
Jugendamt zur Übernahme der Kosten verpflichtet.
b) Es müssen Regelungen getroffen werden, die Qualität der Angebote transparent zu
machen.
Denkbar wäre ein Gütesiegel für außerschulische Anbieter. Die KMK oder eine vergleichbare
staatliche Institution könnte Qualitätsmaßstäbe erarbeiten lassen. Zertifizierungsinstitute - die
ihrerseits gegenüber der staatlichen Seite ihre Kompetenz nachweisen müssten - könnten die
Qualität der Anbieter überprüfen. Langfristig würden sich nur solche Anbieter am Markt halten
können, die solch ein Gütesiegel aufweisen. Durch flächendeckende Ganztagsangebote
könnten sich derartige außerschulische Angebote und auch damit die Frage der Qualitätssicherung
erübrigen.
Frage 6, Schule und Eltern
Eltern sind in der Regel ungeeignete Pädagogen, wenn bereits Schwierigkeiten eingetreten
sind. Aus der Situation persönlicher Befangenheit reagieren sie nicht selten mit übertriebenem
Leistungsdruck oder übertragen eigene Ängste und Unsicherheit auf das Kind. Abgesehen
davon sind manche Eltern mangels eigener Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben überfordert,
ihren Kindern kompetente Anleitung zu geben.
4[4] Kretschmann, Rudolf u.a.: Analphabetismus bei Jugendlichen, Stuttgart, Kohlhammer, 1990
9
Statt als „Hilfslehrer“ eingesetzt zu werden, sollten Eltern in die Lage versetzt werden, ihr
Kind mit seinen Schwierigkeiten anzunehmen und ihm emotionale Unterstützung zu geben.
Eltern sollten jedoch informiert werden, welche Förderung in der Schule ihrem Kind zuteil
wird und welche Entwicklungschancen ihr Kind hat.
Die englischen „family literacy“ Programme bemühen sich, die Lese- und Schreibkompetenz
der Eltern anzuheben und den Erziehungsberechtigten bewusst zu machen, wie wichtig Kinderbücher
sind, wie wichtig das Sprechen, das gemeinsame Handeln oder das Vorlesen. Derartige
Angebote für Eltern könnten auch in Deutschland dazu beitragen, den Kindern den
Start und das Weiterkommen in der Schule zu erleichtern.
Frage 7, Schule und Jugendhilfe
Namentlich dann, wenn Schulschwierigkeiten Folge und Epiphänomen familialer Probleme
sind (Verwahrlosung, Zerrüttung der Familie, psychische Krankheit oder Drogen- bzw. Alkoholabhängigkeit
der Eltern), sind schulische Lernfortschritte nur dann zu erwarten, wenn eine
Stabilisierung der Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen durch Einrichtungen wie z.B.
die Jugendhilfe erfolgt. Wünschenswert, wenn nicht gar im Hinblick auf Synergieeffekte unumgänglich,
ist dabei eine Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Schule. Vorstellbar
sind multiprofessionelle Teams aus Lehrkräften Schulpsychologen und Sozialarbeitern, die im
Fall akuter Probleme rasch und koordiniert Hilfe organisieren können.
Frage 8, Vorschulischer Bereich
In nicht wenigen europäischen Nachbarländern gibt es ein verpflichtendes pädagogisches
Angebot für alle Kinder im Alter von drei (Frankreich), vier (Niederlande), oder fünf (England)
Jahren. Vorschulische Angebote ermöglichen es v.a. Kindern aus bildungsfernen Familien,
sich Wissen und Kompetenzen anzueignen, die Kinder aus privilegierteren Familien
beiläufig erlernen. Voraussetzung dafür ist, dass es in den Vorschuleinrichtungen ein erkennbares
Curriculum gibt, welches in einem balancierten Verhältnis einerseits die Bedürfnisse
der Kinder nach Spiel und ungelenkter Betätigung befriedigt, andererseits aber auch den
Erwerb von Kompetenzen ermöglicht, welche den Erfolg in der Schule erleichtern können.
Persönlich haben mich die niederländischen Angebote beeindruckt, in denen die Kinder von
den gleichen Lehrkräften vom vierten bis zum zehnten Lebensjahr betreut werden und eine
allmähliche Gewöhnung an Schule und ihre berechtigten Anforderungen möglich ist. Neusten
Erkenntnissen zufolge (vgl. KÜSPERT u. SCHNEIDER 2001)5[5] scheint es den Start der
Kinder beim Lesen- und Schreibenlernen zu erleichtern, wenn u.a. bereits im Vorschulalter
spielerisch die phonologische Bewusstheit gefördert wird.
5[5] Küspert, P. u. Schneider, W.: Hören, lauschen, lernen. Sprachspiele für Kinder im Vorschulalter,
Göttingen, 2001, 3. auflage
10
Frage 9, Lehr- und Lernmittel
Die Vorstellung, es genüge mit einem Kind sukzessiv die Lektionen eines Förderprogramms
durchzunehmen, deutet auf ein eingeschränktes Problemverständnis. Vorgefertigte Materialien
befreien nicht von der Notwendigkeit, sich grundlegend mit den Prozessen des Lesenund
Schreibenlernens, den Ursachen von Störungen und der ganzen Bandbreite der Angebote
zu beschäftigen. Lehrende, die über dieses Wissen verfügen, können auch vorgefertigte Materialien
flexibel und angepasst an die Lernausgangslage und die Probleme des Kindes handhaben.
Ohne dieses Hintergrundwissen besteht die Gefahr, dass die Anwendung eines Förderprogramms
zu einem seelenlosen Drill gerät. Lehrerinnen und Lehrer mit einem hohen Problembewusstsein
und mit ausgeprägter Methodenkompetenz sind wiederum nicht auf vorgefertigte
Materialien angewiesen. Aktivitäten und Vorhaben, in denen Kinder eigene Erlebnisse
und Fantasien einbringen können, liefern in großer Zahl Lese- und Schreibanlässe.
Besondere Schwierigkeiten können dann mit den o.a. Materialien nachgearbeitet werden. Ein
vorgefertigtes Förderprogramm genügt in der Regel nicht, um die Kinder ausreichend zu
motivieren.
Abschließende Bemerkung
Um die derzeit durch die PISA-Studie belegt Misere beim Schriftspracherwerb zu überwinden,
reichen punktuelle und zeitlich begrenzte Maßnahmen nicht aus. Es müssen unterschiedliche
Angebote ineinandergreifen, angefangen bei einer hohen Qualität des Unterrichts, über
Vorbeugungsmaßnahmen für Risikokinder bis hin zu stabilisierenden Maßnahmen in der
außerschulischen Lebenswelt der Kinder.

Prof. Dr. Rudolf Kretschmann
Studiengang Behindertenpädagogik, FB 12
Universität Bremen
D-28865 Lilienthal, Kastanienweg 55
D-28334 Bremen
Tel. 04298/939453, Fax 04298/939452
Tel. 0421/2182583(2195) Fax 0421/2184577
E-mail: rudolf.kretschmann@t-online.de

 


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